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Coffee-to-go-Becher aus Edelstahl und Porzellan statt Bambus

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Tagung der Verbraucherzentrale Hessen informiert zum Thema „Gesundheits- und Umweltgefahren durch Lebensmittelverpackungen“ am 7.11.2017 in Frankfurt.

Lebensmittelverpackungen erfüllen wichtige Funktionen, können aber auch Gefahren für Gesundheit und Umwelt bergen. Rund 140 Interessierte profitierten von Vorträgen zu Schadstoffen aus Verpackungsmaterialien und Umweltauswirkungen von Plastikmüll. Sie diskutierten mit Experten Lösungsansätze und Handlungsalternativen. Einig waren sich alle: Hersteller, Handel, Politik und kreative Ideen jedes Einzelnen sind gefragt. Das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz förderte die Tagung.

Expertendiskussion zu „Gibt es Alternativen zu Plastik, Alu & Co?“

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Gute Mehrwegbecher sind aus Edelstahl, Glas oder Porzellan

Coffee-to-go-Becher aus Bambus sind keine sinnvolle Alternative zur Flut an Einwegbechern. Das erläuterte Dr. Martin Wagner, Professor für Biologie an der norwegischen Universität Trondheim. Denn die als natürlich beworbenen Becher aus nachwachsendem Rohstoff enthalten neben Bambusholzpulver Kunststoffe wie Melaminharz. In Kontakt mit heißen Lösungen komme es zu Materialveränderungen. Melamin und Formaldehyd können ins Lebensmittel übergehen. Formaldehyd gilt als wahrscheinlich krebserregend. Melamin kann unter bestimmten Bedingungen zu Nierenschäden führen.

Geeignete Mehrwegbecher sind aus Edelstahl, Glas, Porzellan oder den Kunststoff Polypropylen – so die Empfehlung von Nicole Jelen vom Landesbetrieb Hessisches Landeslabor in Wiesbaden.

„Bundesweit werden derzeit insgesamt 2,6 Milliarden Coffe-to-go-Becher pro Jahr verbraucht. Mit einem Mehrwegbecher kann jeder dazu beitragen, dass der Müllberg von 40.000 Tonnen jährlich reduziert wird.“, so Benjamin Weiß, Referent der Pressestelle des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und Vertreter der Initiative „BecherBonus“ des Ministeriums.

Zur wachsenden Verpackungsflut, insbesondere aus Kunststoff, trägt zum einen die steigende Zahl an Single-Haushalten bei, die viele kleine Verpackungen nutzen. Zum anderen sind es vor allem veränderte Ernährungsgewohnheiten wie der Trend zu aufwändig verpacktem Food-to-go und Fertiggerichten.

Viele Verpackungen sind gesundheitlich bedenklich

Neben Melamin und Formaldehyd können mit hormonell wirksamen Substanzen wie Bisphenol A oder Weichmachern, Mineralölverbindungen aus Recyclingkarton oder Aluminium aus Menüschalen weitere gesundheitsbedenkliche Stoffe in Lebensmittel übergehen, berichteten Professor Wagner und Dieter Bohn, Sachverständiger vom Landesbetrieb Hessisches Landeslabor in ihren Vorträgen. Gesetze zum Schutze der Verbraucher, zum Beispiel um Mineralölrückstände in Verpackungen zu vermeiden, lägen seit Jahren auch wegen der Herstellerinteressen auf Eis. Prof. Wagner empfahl daher, möglichst auf übermäßig verpackte und stark verarbeitete Lebensmittel zu verzichten. Herr Bohn machte darauf aufmerksam, dass keine sauren und salzigen Lebensmittel in Alufolie aufbewahrt, gegrillt oder gebacken werden sollten, da das Aluminium sonst in hohen Mengen aus der Folie in die Lebensmittel wandern kann. Ob und in welchen Mengen Aluminium gesundheitsschädlich ist, ist derzeit wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Auf Druck der Verbraucherzentralen müssen Hersteller die Sicherheitshinweise auf den Verpackungen von Alufolie mittlerweile deutlich formulieren.

Bio-Kunststoff wird nicht kompostiert, sondern verbrannt

Als problematisch für die Umwelt stufte Dr. Carolin Völker, Ökotoxikologin am Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt, insbesondere Mikroplastik ein, das als „Plastiksuppe“ die Weltmeere vermüllt und sich in Meerestieren wiederfindet. In erster Linie müssten sich hier die Hersteller und nicht die Verbraucher bewegen. „Sie könnten große Mengen an Plastik einsparen, in dem sie mehr Wert auf die Umwelt und weniger auf das Marketing legen“, so Völker. Bio-Plastik verrotte zu langsam in der Kompostierungsanlage und würde daher verbrannt. Tüten aus biobasierten Kunststoffen sind damit bisher nicht umweltfreundlicher als herkömmliche Kunststoffe. Abfall vermeiden und wiederverwendbare Taschen verwenden lautet hier die Lösung. Das bestätigte auch eine spontane Umfrage im Publikum, wer im Laufe des Jahres wie viele kostenlose Jute- oder Baumwollbeutel bei Veranstaltungen mitgenommen – aber dann nie benutzt hätte. Hier reckten sich viele Finger in die Höhe.

Dr. Arno Zips, Leiter des Referates Ernährung am Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Begrüßung

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Andrea Schauff. Leiterin Fachgruppe Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Hessen, Einführung

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Prof. Dr. Martin Wagner, Universität Trondheim/Norwegen, Vortrag zu „Chemikalien in Lebensmittelverpackungen“

Prof. Dr. Martin Wagner, Universität Trondheim/Norwegen, Vortrag zu „Chemikalien in Lebensmittelverpackungen“

Dieter Bohn, Sachverständiger am Hessischen Landeslabor Wiesbaden, Vortrag zu „Schadstoffe aus Lebensmittelverpackungen im Überwachungsalltag“

Dieter Bohn, Sachverständiger am Hessischen Landeslabor Wiesbaden, Vortrag zu „Schadstoffe aus Lebensmittelverpackungen im Überwachungsalltag“

Dr. Carolin Völker, Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt, Vortrag zu „Umweltauswirkungen von Plastikverpackungen“

Dr. Carolin Völker, Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt, Vortrag zu „Umweltauswirkungen von Plastikverpackungen“

 

Expertendiskussion zu „Gibt es Alternativen zu Plastik, Alu & Co?“

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Susanne Sachs, Fachgruppe Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Hessen, Frage an die Experten

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Publikum auf der Tagung „Alles in Plastik?“

Publikum auf der Tagung „Alles in Plastik?“

Publikumsfragen auf der Tagung „Alles in Plastik?“

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Besucher der Tagung „Alles in Plastik?“ informieren sich am Stand der Verbraucherzentrale Hessen

Besucher der Tagung „Alles in Plastik?“ informieren sich am Stand der Verbraucherzentrale Hessen

Wer will, kann verpackungsfrei einkaufen

Jenny Fuhrmann, Geschäftsführerin des müllfreien Lieferdienstes gramm.genau, schilderte, dass verpackungsfreies Einkaufen nicht nur im Laden, sondern auch über Online-Bestellung möglich ist. Wer im Laden die lose Ware einkaufen möchte, bringt eigene Gefäße mit und bedient sich an einer „Taschenstation“, in der gebrauchte Taschen abgelegt werden können. Wer sich die Produkte nach Hause liefern lassen möchte, bekommt sie mit einem Lastenrad geliefert. Fuhrmann forderte: „Die Politik muss die Hersteller durch ein Verbot oder die Besteuerung von Plastik- und Einwegverpackungen in die Pflicht nehmen.“

Spezielle Verpackungsdesigns bieten Herstellern die Möglichkeit, ihr Produkt von anderen abzuheben und so zum Kauf zu motivieren, machte Roland Scharathow von der Verbraucherzentrale Berlin deutlich. Daher sei es schwer, hier ein Umdenken zu erreichen. Scharathow war lange Jahre bei einem Industrieverband für Kunststoffe und Verpackungen unter anderem für Recyclingtechnik und Nachhaltigkeitsbewertung zuständig. Mit den Referenten und hessischen Kolleginnen der Verbraucherzentrale war er sich einig: Nachfragen und Druck machen bei Herstellern und Handel wird auch in puncto sicherer Verpackungsmaterialien Wirkung erzielen.

Informationen sind das A & O

„Um aktiv zu werden, müssen Verbraucher gut informiert werden, das ist eine wichtige Voraussetzung. Seit der bundesweiten Aufklärungsaktion der Verbraucherzentralen zu gesundheitlichen Aspekten von Lebensmittelverpackungen und Küchenutensilien aus Kunststoff ist das Verbraucherinteresse am Thema ungebrochen hoch“, erläuterte Andrea Schauff, Leiterin der Fachgruppe Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale. Entsprechend engagiert diskutierte das Publikum mit – über Weichmacher und Mineralölbestandteile aus Verpackungsmaterial, Hygieneaspekte beim Einkauf unverpackter Lebensmittel und Möglichkeiten, Verpackungsmüll zu reduzieren.

Politik, Hersteller und Handel in die Pflicht nehmen

Die Hauptverantwortung zum Handeln sahen die Experten jedoch einhellig bei Politik, Herstellern und Handel. Es müssen gesetzliche Standards geschaffen werden, Industrieverbände müsse man gewinnen, um Zukunftsstrategien für sichere, schadstofffreie Lebensmittelverpackungen und die Reduktion von Verpackungsmüll zu entwickeln. Als praktische Tipps, was jeder Verbraucher tun kann, nannten Experten und Teilnehmer „Mehrwegbeutel zum Einkaufen verwenden, bewusst(er) einkaufen, Leitungswasser trinken statt Getränke in Plastikflaschen kaufen und Vorratspackungen mit anderen teilen“.