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Algorithmen als Matchmaker: So funktioniert Online-Dating

Stand:
Um Menschen nach ihren Vorlieben oder Interessen zusammenzuführen, arbeitet auch bei Dating-Plattformen ein Algorithmus im Hintergrund. Wie Dating-Apps und Portale arbeiten und worauf Sie bei der Nutzung achten können.
Eine Frau nutzt per Smartphone eine Singlebörse im Internet.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In Deutschland gibt es mehr als 2500 Online-Dating-Services. Um Menschen miteinander zu verkuppeln, nutzen sie Algorithmen, die Ähnlichkeiten auswerten und Suchenden passende Treffer vorschlagen.
  • Wie Matching-Algorithmen genau arbeiten, halten die Unternehmen geheim. Der Attraktivitäts-Score spielt bei vielen eine wichtige Rolle.
  • Dating-Apps können gesellschaftliche Vorurteile verstärken.
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Digitales Matchmaking schon in den 1950ern

"Happy Families Planning Service" – so nannten die beiden Elektroingenieure Jim Harvey und Phil Fialer Ende der 1950er Jahre ihr Datingprogramm, das aus einer Feierlaune heraus entstanden war. Das universitätseigene Rechenzentrum hatte gerade einen Großrechner von IBM aufgestellt. Großrechner ist dabei übrigens recht wörtlich zu nehmen. Damals waren die Computer so riesig wie Busse und voll gefüllt mit Lochkarten zum Speichern.

Die beiden Männer belegten einen Kurs zur "Theorie und Praxis von Rechenmaschinen". In ihrer Abschlussarbeit wollten sie die Maschine nutzen, um möglichst viele Paare miteinander zu verbinden, die ähnliche Interessen und Eigenschaften teilten. Dazu teilten sie Fragebögen aus und ließen den Computer Übereinstimmungen berechnen. Auch wenn ihr "Happy Family Planning Service" tatsächlich nur wenige glückliche Paare hervorbrachte – ihre Idee lebte weiter und erfuhr in den Folgejahren und -jahrzehnten einen riesigen Boom.

Dating Apps zur Kontaktanbahnung

Seit den 1950er Jahren hat sich viel verändert. Nicht nur die Technik ist schneller und effizienter geworden. Auch die Gesellschaft hat sich verändert. Wer heute Tinder, OKCupid, Lovoo oder Once benutzt, ist möglicherweise perspektivisch an einer Familiengründung interessiert. Vielleicht aber auch nicht. Dating-Apps und Online-Dating-Portale haben heute nur sehr bedingt mit Eheanbahnung zu tun. Vielmehr geht es darum, andere Menschen kennenzulernen. Wozu und warum, entscheiden Nutzerinnen und Nutzer am Ende des Tages selbst.

Online-Dating: Auf eine blau gestrichene Steinmauer sind rote Herzen gemalt
     Foto: Tyler Nix / Unsplash

Matching-Algorithmen ordnen Partner zu

Bei einem digitalen Dating-Service sucht eine Maschine für Sie potentielle Kontakte aus. Aber wie genau funktioniert die Zuordnung? Wer Dating-Apps oder -Portale nutzt, gibt zunächst Informationen über sich preis. Ein Algorithmus sucht dann Partnerinnen und / oder Partner aus, die zu den eigenen Angaben und Wünschen passen. Das Prinzip der Matching-Algorithmen geht auf zwei Wirtschaftsmathematiker, David Gale und Lloyd Shapley, zurück. Sie widmeten sich in den 1960ern der Frage, wie man Akteure verschiedener Märkte zusammenbringen kann, so dass am Ende alle zufrieden sind und die Beziehung stabil ist.

Matching-Algorithmen ordnen also Elemente aus zwei unterschiedlichen Gruppen einander zu. Wie die Zuordnung bei der Partnervermittlung funktioniert, zeigt skizzenhaft diese animierten Grafik, bei der die Paare aus Jane Austens Roman "Stolz und Vorurteil" miteinander gematched werden.

Matching-Algorithmen kommen heute nicht nur beim Online-Dating zum Einsatz. Auch bei der Jobvermittlung oder beim Online-Gaming, zum Beispiel, werden zuweilen in Sekundenschnelle Menschen miteinander gepaart. "Vermittlungsalgorithmen" setzt man immer dann ein, wenn der Pool an Kandidatinnen und Kandidaten zu groß ist, als dass ein Mensch diese Aufgabe übernehmen könnte. Sie geben uns dabei das Gefühl, dass Liebe und Sex planbar sein können. Dass wir nicht den Launen des Schicksals und unseren eigenen Mustern ausgeliefert sind. Kein Wunder also, dass digitale Dating-Services erfolgreich sind.

Jede App matched unterschiedlich

Allein die Dating-App Tinder verzeichnet nach eigenen Angaben weltweit 57 Millionen Nutzer. Auf dem deutschen Markt tummeln sich über 2500 Anbieter für Online-Partnervermittlung. Und sie unterschieden sich in ihrer Herangehensweise deutlich. Während bei einigen Apps dein Standort entscheidender Faktor dafür ist, wer Ihnen als Match angezeigt wird, lassen andere Sie vorab Fragebögen ausfüllen, um passende Kontakte zu finden. Während Sie bei Tinder so viele Menschen am Tag swipen können, wie Ihr Daumen aushält, erlaubt die App Once nur eine Kontaktaufnahme pro Tag. In Schweden machte zuletzt eine Dating-App des Kühlschrankherstellers Samsung auf sich aufmerksam. Um passende Partner zu finden, sollten die Userinnen und User (ehrliche) Fotos von ihrem Kühlschrank in die App hochladen. Gesucht wurden dann Partner-Kühlschränke mit passender Füllung und Sortierung.

Ihr Attraktivitäts-Score ist wichtig

Wie genau der Matching-Algorithmus funktioniert, halten alle Anbieter geheim. Aber sicher ist: Die meisten Anbieter arbeiten mit einem Attraktivitäts-Score oder dem so genannten ELO-Score. Der ELO-Score wurde ursprünglich als Bewertung der Spielstärke von Schachspielern entwickelt. Im Datingbereich zeigt er an, wie attraktiv Sie sind. Oder besser: Wie attraktiv Ihr Profil auf andere wirkt. In der Folge matched Sie der Algorithmus mit Menschen, die einen ähnlichen Attraktivitäts-Score (oder Marktwert) haben. Für den Einsatz des ELO-Scores gab es auch schon viel Kritik. Unter anderem auch deshalb, weil er gesellschaftliche Diskriminierung weiter festigt.

Einige Dating-Anbieter haben aufgrund zunehmender Kritik zumindest offiziell ihre Strategie geändert. Tinder gibt an, den ELO-Score seit 2019 nicht mehr zu benutzen. Allerdings bleiben die Angaben des Dating-Riesen zum neuen Algorithmus so vage, dass niemand sicher sein kann, dass nicht doch ein Attraktivitäts-Score im Hintergrund am Werk ist.

Mehr über Dating-Algorithmen können Sie in diesem Interview mit dem CEO von Once erfahren.

Eine Frau und ein Mann sitzen in den Bergen und halten sich im Arm.

Dating-Algorithmen verstärken Vorurteile

Wenn wir die Kontrolle über unser Liebesleben an einen Computer abgeben, hat das nicht nur Auswirkungen auf unser persönliches Schicksal. Wenn viele Menschen digitale Matchmaking-Services nutzen, dann verändert das gesellschaftliche Strukturen. Auch im positiven Sinn. Studien in den USA haben gezeigt, dass wir durch Dating-Apps auch Menschen außerhalb unseres gewohnten sozialen Umfelds treffen. So konnte nach der Einführung von Online-Dating-Services ein Anstieg der Diversität in Ehen festgestellt werden, zum Beispiel zwischen afroamerikanischen und weißen Personen in den USA.

Aber die Dating-Apps können auch gesellschaftliche Ressentiments verstärken. Bekannt ist, dass in Dating Apps asiatische Männer und schwarze Frauen weniger oft Anfragen bekommen. Das senkt ihren Attraktivitäts-Score und führt dazu, dass sie seltener als Match für andere vorgeschlagen werden. Auf diese Weise trägt der Algorithmus dazu bei, dass sich gesellschaftliche Vorurteile weiter festigen.

Das Problem des Mitgemeint-Seins

Aber nicht nur der Algorithmus selbst ist Teil des Problems. Auch die Kategorien, die ein Dating-Portal oder eine App zur Selbstauskunft oder Partnersuche anbietet, können festgefahrene Sichtweisen weiter verhärten und diskriminierende Effekte haben. Bei Tinder, zum Beispiel, ist eine Suche nach Männern, nach Frauen oder nach beidem möglich. OkCupid bietet, im Vergleich, 22 Genderoptionen (darunter Frau, Mann, Androgyn, Transgender, Genderqueer, Genderfluid). Daneben erlaubt das Portal 13 sexuelle Orientierungsoptionen und viele verschiedene Beziehungsformen. Wer sich nicht in den Kategorien Frau oder Mann wiederfindet, hat bei Tinder keine andere Möglichkeit, als sich mitgemeint zu fühlen.

Das Problem des Mitgemeint-Seins beschreibt das Phänomen, dass gesellschaftliche Kategorien für uns kein Problem darstellen, so lange wir hineinpassen. Wer weiß ist, hält die Kategorie "Hautfarbe" für unwichtig. Wer heterosexuell ist, für den ist die Kategorie sexuelle Orientierung irrelevant.[1] Schmerzhaft werden gesellschaftliche Normen dann, wenn wir uns darin nicht wiedererkennen und uns mitgemeint fühlen müssen. Indem einige Anbieter ihre Such- und Selbstauskunftskriterien so gestalten, dass sie der Norm entsprechen, schließen sie nicht nur viele Menschen aus. Sie festigen und normalisieren das, was wir an politischen und ökonomischen Werten sowieso schon haben.

Auch Datenschutz ist ein Thema

Sicher ist: Dating-Portale und Dating-Apps können Sie mit Menschen in Kontakt bringen, die Sie ohne den digitalen Matchmaker sehr wahrscheinlich nicht getroffen hätten. Abgesehen von ethischen oder moralischen Fragestellungen haben viele Dating-Apps aber noch ein weiteres Problem: den Datenschutz. Manche Apps geben Ihre Infos unverschlüsselt an ihre Server weiter, sodass andere rein theoretisch problemlos mitlesen könnten. Wenn Sie Ihr Dating-Profil mit einem Social-Media-Account verknüpfen, erlauben Sie, dass beide Unternehmen ihren Datensatz über Sie um weitreichende und sehr persönliche Informationen erweitern. Eine britische Journalistin machte von ihrem Recht auf Selbstauskunft Gebrauch. Und bekam 800 Seiten mit Informationen über ihr Liebes- und Sexleben von Tinder ausgehändigt.

Auch Standortdaten können unerwünschte Effekte haben. Zwar erlauben sie auf der einen Seite, dass eine App Sie mit Menschen verbindet, die in Ihrer Nähe sind. Andererseits kann es auch passieren, dass auf diese Weise Menschen mit Ihnen Kontakt aufnehmen, auf deren Annäherungsversuche Sie lieber verzichtet hätten. Plus: Wenn die App weiß, wo Sie sich befinden, dann WEISS die App tatsächlich wo Sie sich aufhalten. Heißt: Sie kann ohne Probleme Bewegungsprofile aufzeichnen.

Unser Tipp

Wenn Sie Dating-Apps für sich nutzen möchten, dann suchen Sie sich einen Anbieter aus, bei dem Sie sich gemeint und nicht mitgemeint fühlen. Achten Sie auf Datenschutzaspekte und setzen Sie Ihre Zustimmungen mit Bedacht. Bevor Sie einen Vertrag abschließen, beschäftigen Sie sich mit den Konditionen und Kündigungsbedingungen.

Mehr Informationen zu den Kosten, Konditionen und dem Einsatz von fragwürdigen Fake-Profilen beim Online-Dating gibt es in dem Artikel Marktüberblick Online-Dating-Portale.


[1] Carolin Emcke: Wie wir begehren. Frankfurt am Main 2013, S. 21